WEHRDA WECKER Zeitung der SPD Wehrda im Oktober 2010 Herausgeber: SPD-Ortsverein Wehrda -Der Vorstand- V. i. S. d. P.: Andreas Steih-Winkler, U. d. Gedankenspiel 54, MR-Wehrda Liebe Leserin, lieber Leser, Demokratie beginnt bekanntlich mit der ersten abgegebenen Stimme. Mit unserer Stimm-abgabe geben wir unsere Stim- me an eine andere Person oder eine Partei. Ab diesem Mo- ment sind wir folglich nicht mehr „stimmlos“, aber wir müssen darauf achten, was mit unserem abgegebenen Votum pas- siert. Das Prinzip der Demokratie ist also wahrlich einfach, sie zu hüten und zu bewahren ist aber eine fortdauernde Aufga- be. Wo wir heute als Menschen, Staatsbürger, Angehörige einer Gemeinde, oder als Teil einer Familie stehen, ist im Wesentlichen die Folge des Handelns unserer Vorfahren, Väter und Mütter. Und so sind wir heute für uns und die Le- bensumstände unserer Kinder und ihre Zukunft mitverantwortlich. Deshalb ist es sehr wichtig, sich stets für die Gestaltung der Normen und Formen unserer Gesellschaft zu interessieren, darüber hinaus aber auch derer für unsere Welt. Ich persönlich bin, nicht nur weil ich Politikwissenschaften studiert habe, sondern vielmehr, weil ich während politischer Umwälzungen aufgewachsen bin, an Politik und an politischer Mitverantwortung und Teilhabe interessiert. Aus diesem Grund möchte ich, auch wenn ich noch nicht so lange in Wehrda wohne, mich für die politischen, sozialen und gesellschaftlichen Belange meines Wohnortes einsetzen. Ich wohne seit 1990 in Marburg und kenne fast alle Stadtteile. Wehrda habe ich mit meiner Familie nicht zuletzt als Wohnort gewählt, weil meine Frau seit über 25 Jahren in Wehrda lebt, sondern auch, weil Wehrda ein historisch gewachsener Ort ist, in dem viele soziale Werte, die oft in großen Städten verlo- ren gegangen sind, noch vorhanden sind, allen voran die nachbarschaftlichen Beziehungen, der soziale Zusammenhalt und vieles mehr. Als ich gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, als Orts- vorsteher zu kandidieren, und ich mich für diese verantwor- tungsvolle Aufgabe entschieden habe, war mir klar, dass es schwer wird, als „Neubürger“, noch dazu mit Migrationshinter- grund, gegen Menschen zu kandidieren, die hier geboren und aufgewachsen sind und seit Jahren im Gemeindeleben und den örtlichen Vereinen aktiv sind. Ich bin jedoch sehr zuversichtlich, dass die Wehrdaer Bürgerinnen und Bürger sehr weltoffen und stets neugierig auf das Neue und offen für eine Erneuerung sind. Das sind genau die Eigenschaften, die Wehrda zu einem Gewerbezentrum im Umkreis gemacht haben, was wiederum ein Grund für viele Menschen ist, Wehrda als Wohnsitz zu wählen. Die Immobiliennachfragen zeugen davon. Als möglicher zukünftiger Ortsvorsteher möchte ich mich auf zwei Ebenen verpflichtet wissen. Als erstes will ich mich um die alltäglichen Belange unseres Ortsteils kümmern. Dazu gehören die Straßen mit ihren Schlaglöchern genauso wie wichtige soziale Themen. besonders am Herzen liegt mir, mich für die Belange der Wehrdaer Waldschule einzusetzen, um den Kindern einen bestmöglichen Start in die Ausbildung zu ermöglichen. Aber auch um die Zukunftsplanung der Jugendlichen sowie ihre Interessen wie z..B. ihre Freizeitgestaltung sollen im Mittelpunkt meiner Tätigkeit stehen; denn Kinder und Jugendliche sind unsere Zukunft. Ein weiterer Schwerpunkt in meiner Funktion als möglicher zukünftiger Ortsvorsteher soll die Berücksichtigung der Be- dürfnisse von Familien sowie von Senioren sein, die einen wichtigen Platz in unserer Gesellschaft einnehmen. Schließlich möchte ich mich für die Belange von Menschen mit Migrationshintergrund „stark machen“, denn Integrationsarbeit ist auch Brückenbau. Weiterhin ist es mir wichtig, mich für die Interessen Wehrdas im Rahmen der Stadt- und Kreispolitik zu engagieren. Zu diesem Thema hat der Vorstand der SPD Wehrda unseren Oberbürgermeister, Egon Vaupel, als Referenten für einen Vortrag über „Die Rolle Wehrdas im Rahmen der Stadt- und Kreispolitik aus wirtschaftlicher und sozialer Sicht“ eingeladen. Er spricht zu diesem Thema am 30.11. im Bürgerhaus. Ich werde in den folgenden Ausgaben des Wehrda Weckers mehr über das Vorhaben des SPD-Ortsvereins in den nächsten Jahren, aber auch über meine persönlichen politischen und sozialen Ziele berichten. Sie sind herzlich zu unseren Veranstaltungen eingeladen. Die Termine können Sie unserer Internet-Seite www.spd-wehrda.de entnehmen. Nur durch Ihre Stimme können wir uns für Wehrda erfolgreich einsetzen. Darum brauchen wir Ihr nachhaltiges Engagement und Ihre Unterstützung. Ihr Dr. Mohammad Reza Malmanesh Seite 2 I. Die Geologie unseres Lahntals Das Jahr 2010 steht in Marburg unter dem Motto „Marburg an die Lahn“ Auch in Wehrda hat die Lahn eine wichtige, manchmal aber auch problematische Rolle. Hochwasser und Tod durch ertrinken finden sich in der Geschichte Wehrdas immer wieder (dazu später einmal mehr). Wie ist nun die Lahn in unserem Gebiet entstanden? Die den östlichen Marburger Raum bestimmenden Ablagerun- gen des „Buntsandsteins“ entstammen dem Erdzeitalter des „TRIAS“. Das Alter des Buntsandsteins wird in absoluten Zah- len mit etwa 220 Mill. Jahren angegeben, wobei diese geologi- sche Phase, in der all die unseren Raum bestimmenden Abla- gerungen entstanden sind, etwa 20 Mill. Jahre dauerte. Aus den bei uns zu findenden Gesteinen kann in etwa folgende Erdgeschichte abgeleitet werden: zunächst befand sich der Marburger Bereich am Rande eines Meeres, deshalb finden wir in den Steinbrüchen und teilweise auch auf Äckern direkt über den Buntsandstein-Felsen in Lesesteinen „Rippelmarken“, wie man sie heute im Wattenmeer sehen kann. Dies sind durch Wellenschlag und Gezeitenwechsel entstehende kleine Dünen, die im Flachwasserbereich am Strand entstehen. „Rippelmarken“ In diesen Küstenstreifen gab es Tiere, deren Fußabdrücke in unserem Buntsandstein erhalten geblieben sind. Es waren möglicherweise "Minisaurier", die nicht größer als ein Schäfer- hund gewesen sein dürften, an anderer Stelle finden sich in Buntsandstein-Ablagerungen aber auch Hinweise auf größere Saurierarten. Dieser Küstenstreifen liegt am Rande eines Kon- tinents, der einer heftigen Erosion unterlag. In vielen Ablage- rungen des Buntsandsteins finden sich auch Hinweise auf ein Trockenfallen und „Versteinerter Fußabdruck“ wüstenähnliches Klima. Zwischen dem Buntsandstein-Zeitalter und der heutigen Zeit hat sich die Landschaft stark verändert. Da es nur in wenigen Bereichen Ablagerungen aus den dazwi- schen liegenden Zeitaltern des Jura, der Kreidezeit und des Tertiärs gab, muss daraus geschlossen werden, dass Marburg im Bereich einer ausgeprägten Kontinentalplatte lag, die mehr verwitterte als dass sich neue Gesteine bilden konnten. Auf dieser Oberfläche bildeten sich im Tertiär, also etwa 60 Mio. Jahre vor heute, große Risse und der Oberrheintalgraben, das Mittelmeer und die heute bekannten als Nord- und Ostsee Meere begannen sich zu bilden, unterstützt durch den Druck der afrikanischen Platte, die nach Norden wandernd zur Alpenbildung beigetragen hat und deren Auswirkungen weit nach Norden reichten. Das Lahntal im Marburger Raum hat sich auch vermutlich in dieser Zeit, in der der Vogelsberg als größtes europäisches kontinentales Vulkangebiet entstand, abgesenkt. Die Urlahn floss vermutlich ehemals weiter im Osten, über die heutigen Äcker des Amöneburger Beckens, also jenseits der Lahnberge, bis sie die sich bildende Talebene eroberte, um hier dem „Weg des geringsten Widerstands“ zu folgen und ihre Schuttmassen in das Tal zu füllen. Die Hinweise auf die Urlahn stammen aus Ablagerungen auf den Lahnbergen und dem Amöneburger Becken, die teilweise Gerölle und Kiese aus dem geologisch älteren Rothaargebirge enthielten. Prof. Dr. Huckriede untersuchte die Kiese und Sande und konnte einen Urverlauf der Lahn rekonstruieren, wie er auf der folgenden Abbildung dargestellt ist. Der vermutliche Urlauf der Lahn im Tertiär vor Einbrechen des Lahntal-Grabens Die Lahn folgte später dem sich bildenden Lahn-Tal und trug auch zu einem Einschneiden des Tals bei. Die am Ortenberg zu finden Reste des alten Lahnbettes weisen auf das immer stärker werdende Einschneiden in Verbindung mit dem Absenken des Talbodens hin, man spricht hier von Terrassenschottern, die dort zu finden sind. Das sich bildende Lahntal folgt möglicherweise alten Strukturen, die in noch viel älterer Zeit (Devon, Karbon) angelegt worden sind. Die Schichten im Marburger Lahnbett sackten immer weiter nach unten weg. Dadurch entstanden auch die Seitentäler, da deren Bäche der Lahn folgten und sich immer tiefer einschnitten. Die Lahn selbst folgte dem Verhalten eines typischen ungebändigten Flusses und schlängelte („mäandrierte“) sich durch das Marburger Tal, bildete Seitenarme, die wieder verlandet sind bzw. sich mit Torf u. ä. – später dann auch Abfällen - füllten bzw. gefüllt wurden und heute wieder im Rahmen der Renaturierung ausgegraben werden. Im 19. Und 20. Jahrhundert wurde die Lahn im Unterlauf bis Gießen begradigt um sie schiffbar zu machen, während in Marburg in der selben Zeit Wehre zum Hochwasserschutz und zum besseren Betrieb von Mühlen in den Wasserlauf gesetzt wurden. Der Versuch, die Lahn ein Stück weit zu „renaturieren“, führte in der Gemarkung Wehrda im Lahnbogen Richtung Cölbe und parallel zum Wehrdaer Weg in Richtung Marburg zu Ausbuch- tungen. Diese sollen sowohl Flora und Fauna beleben als auch bei steigendem Wasser als Aufnahmepuffer für die Wasser- massen dienen. Ein Spaziergang an der Lahn lohnt sich daher zu jeder Jahreszeit, Hochwasser einmal ausgenommen. (Quelle: Der Kulturpfad entlang der Lahn: Vom Weiße Stein zu Stein- mühle von Dieter Woischke, Burgwald-Verlag (Taschenbuch - 1. April 2009) Seite 3 Helmut Hebert-Henkel, Stadtverordneter aus Wehrda, stellt sich vor Liebe Wehrdaer Mitbürgerinnen und Mitbürger, gerne möchte ich mich Ihnen heute vorstellen: Mein Name ist Helmut Hebert-Henkel, ich bin 48 Jahre alt, gebürtiger Marbur- ger, verheiratet und habe 3 Kinder. Ich wohne mit meiner Familie seit Januar 2009 im Huteweg 8b in Wehrda. Beruflich bin ich beim Dienstleistungsbetrieb der Stadt Marburg als stellvertretender Abteilungsleiter im Bereich der Stadtreinigung tätig. Viele Jahre habe ich mich als stellv. Vorsitzender des SPD- Ortsvereins Hansenhaus/ Südbahnhof und stellvertretender Vorsitzender der Hansenhausgemeinde für das Wohl und die Belange der Bürgerinnen und Bürger dieses Stadtteils einge- setzt. Da ich mit meiner Familie nun in Wehrda lebe, meine Tochter in die Waldschule geht und meine Söhne in den Kin- dergarten im Huteweg gehen sollen, liegt mir das Wohl des Stadtteils Wehrda natürlich sehr am Herzen. Seit Februar 2010 bin ich Mitglied in der Marburger Stadtver- ordnetenversammlung und setze mich dort besonders für die Belange Wehrdas ein. So habe ich z. B. am 28.05.2010 die Anfrage in der Stadtverordnetenversammlung gestellt, wann der Sand auf dem Spielplatz unterhalb des Hallenbades zum letzten Mal ausgetauscht wurde und warum die große Rutsche abgebaut wurde. Oberbürgermeister Vaupel teilte mir umge- hend mit, dass der Sand in diesem Frühjahr ausgetauscht wurde. Das Spielgerät war überaltert und daher nicht mehr sicher. Mittlerweile sind zwei neue Spielgeräte aufgestellt wor- den. Ein kleiner Erfolg für unseren Ortsteil. Wenn Sie, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, Anregungen haben, bitte kon- taktieren Sie mich. Ich verstehe mich als Ihr Ansprechpartner in unserem Stadtteil und stehe Ihnen für Anregungen und Fragen gerne zur Verfügung. Über meine Tätigkeit und Erreichtes im Marburger Stadtparlament werde ich Sie auch weiterhin infor- mieren. (Tel.: 06421/201158) Ihr Helmut Hebert_Henkel Kalenderblatt: Vor vierzig Jahren wurde der Moskauer Vertrag un- terzeichnet. Ein Kernstück der neuen Ostpolitik der SPD, wesentlich bestimmt durch Willy Brandt, wurde vor 40 Jahren in Moskau unterzeichnet. Wichtigster Teil der Vereinba- rung war die Garantie der bestehenden Grenzen in Eu- ropa. Diese Vereinbarung wurde auch Teil der Akte von Helsinki der Konferenz für Sicherheit und Zusammenar- beit in Europa (KSZE). Nur die kommunistische Partei Albaniens und die CDU/CSU hatte diese Vereinbarung damals abge- lehnt. Wussten Sie schon, dass ... Georg Gaßmann (1910 - 1987) Sozialdemokratischer Politiker, 1946 bis 1951 Marburger Bürgermeister, 1951 bis 1970 Oberbürgermeister. Wegbereiter für zahlreiche große Bauprojekte, die Marburgs Infrastruktur bis heute prägen, unter anderem mehrere Schulen und die Stadtautobahn. 1971 erster Ehrenbürger Marburgs nach dem Krieg. Wohnte von 1946 bis 1987 im Greifswalder Weg 8. Gustav Heinemann (1899 - 1976) Jurist und Politiker, erster Innenminister der Bundesrepublik, 1969 bis 1974 Bundespräsident. Setzte sich für die gesellschaftliche Eingliederung von Randgruppen und die Versöhnung der Deutschen mit ihren Nachbarn ein. Heinemann lebte von 1919 bis 1920 in der Weidenhäuser Straße 16 ½. Hannah Arendt (1906 - 1975) Bedeutende Gesellschafts- und Politikwissenschaftlerin, musste als Jüdin 1933 aus Deutschland emigrieren. Bekannt wurde sie als Professorin für politische Philosophie in Chicago und New York sowie durch ihre Publikationen, vor allem zum Thema Totalitarismus. Sie lebte von 1924 bis 1925 in der Lutherstraße 4. Wolfgang Abendroth (1906 - 1985) Staatsrechtslehrer und Politikwissenschaftler, von 1951 bis 1972 Professor der Marburger Universität. Prägte als erster Direktor des Instituts für Politikwissenschaften bis zu seiner Emeritierung entscheidend das Bild des Fachgebietes. Befasste sich auf marxistischer Grundlage mit Fragen des Völkerrechts, des Staatsrechts und der politischen Soziologie. Lebte 1951 bis 1960 in der Georg-Voigt- Straße 7 a und 1960 bis 1972 in der Wilhelm-Roser- Straße 53. José Ortega y Gasset (1883 - 1955) Spanischer Philosoph, Soziologe, Schriftsteller. Studierte 1906 bis 1907 in Marburg vor allem bei dem Philosophen Hermann Cohen. 1910 wurde er Professor für Metaphysik in Madrid. Seine 1929 erschienene Zeitdiagnose "Der Aufstand der Massen" beeinflusste viele europäische Denker. In dem Buch "Stern und Unstern" setzt er auch den für ihn wichtigen Marburger Studentenjahren ein Denkmal. Boris Pasternak (1890 - 1960) Bedeutender russischer Dichter und Schriftsteller, dessen kurzer Studienaufenthalt in Marburg im Sommersemester 1912 seine künstlerische Entwicklung entscheidend beeinflusste. Pasternaks bekanntestes Werk ist der gesellschaftsanalytische Roman "Doktor Schiwago". 1958 erhielt er den Literatur-Nobelpreis. Wohnte in der Gisselberger Straße 15. Philipp Scheidemann (1865 - 1939) Politiker, bedeutender Vertreter der deutschen Sozialdemokratie. Rief 1918 in Berlin die Weimarer Republik aus. War in Marburg von 1888 bis 1895 als Setzer (= heute: Drucker) und Gewerkschafter tätig und besuchte während dieser Zeit viele Vorlesungen an der Universität. Lebte von 1888 bis 1895 im Haus Zwischenhausen 18. Karl Ziegler (1898 - 1973) Bedeutender Chemiker, lebte 1910 bis 1925 in Marburg. Besuchte hier die Martin-Luther-Schule und nahm mit 18 Jahren sein Chemiestudium (übrigens gleich im dritten Semester) auf. Mit 25 Jahren Habilitation als "akademisches Wunderkind". Professor in Frankfurt, Heidelberg und Halle, dann Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Kohlenforschung in Mühlheim an der Ruhr (später Max- Planck-Institut). Entwickelte Katalysatoren für die Herstellung von künstlichem Gummi, 1963 mit dem Nobelpreis für Chemie geehrt. Seite 4 Viele Bürgerinnen und Bürger schreiben uns derzeit, weil die Debatte um Thilo Sarrazins Äußerungen die öffentlichen Ge- müter bewegt. Wir machen uns unsere Entscheidungen in dieser Sache nicht leicht. Dazu sind die Themen zu wichtig, die Thilo Sarrazin anspricht. Aber er hat mit seinen Äußerungen zu genetischen Identitäten von Völkern, Ethnien oder Religions- gemeinschaften eine Grenze überschritten und sich außerhalb der Partei- und Wertegemeinschaft der SPD gestellt. Deshalb hat der SPD-Parteivorstand einstimmig beschlossen, ein Par- teiordnungsverfahren mit dem Ziel eines Ausschlusses aus der SPD einzuleiten. Das ist keine Absage an eine intensive Debatte über Integrati- onspolitik in unserem Land. Im Gegenteil: Die SPD hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit integrationspolitischen Fragen beschäftigt – sei es auf der kommunalen Ebene, oder auch im Bund. Einige Jahrzehnte alte Defizite sind abgeräumt worden: Es gibt endlich Integrationskurse, in vielen Städten gibt es Integrationsprojekte für Mütter von Schulkindern und viele ehrenamtliche Initiativen. Einiges ist uns gelungen, anderes nicht. In diesem Punkt geben wir Thilo Sarrazin recht: Es liegt noch vieles im Argen. Eine kritische Debatte über den Stand der Integration in Deutschland, über erreichte Fortschrit- te, aber ebenso auch über fortbestehende Probleme und Defi- zite, ist dringend geboten und erforderlich. Dabei müssen auch unbequeme Wahrheiten angesprochen und angepackt werden. Wir haben zum Beispiel noch immer teils erhebliche Bildungs- und Sprach-Defizte bei jungen Mig- rantinnen und Migranten in unserem Land. Das darf nicht so bleiben. Vor allem Deutschkenntnisse sind die Grundvoraus- setzung für Integration. Sie müssen wir frühzeitig fördern und immer wieder konsequent einfordern. Auch deshalb haben wir dafür gesorgt, dass Integrationskurse und Deutschkurse für Einwanderer mittlerweile Pflicht sind. Und wir dulden auch keine Parallelgesellschaften und eine Abschottung von Bevölkerungsgruppen in unserem Land. Integration verlangt faire Chancen, aber auch klare Regeln. Unser Grundgesetz bietet Raum für kulturelle Vielfalt. Daher braucht niemand seine Herkunft zu verleugnen. Es setzt aber auch Grenzen, die niemand überschreiten darf, auch nicht unter Hinweis auf Tradition oder Religion. Integration ist immer ein Prozess, zu dessen Gelingen die Einwanderer sowie die sie aufnehmende Gesellschaft wechselseitig beitragen müssen. Und das meinen wir als Appell an uns alle! Es gibt noch viele Baustellen, an denen Bürger und Politik ge- meinsam arbeiten müssen! So wichtig eine kritische Bestandsaufnahme der Integration in Deutschland aber auch ist: Sie muss in der Sache richtig und im Ton sachlich sein. Pauschalisierungen und Polemisierungen führen nicht weiter. Sie spalten, grenzen aus und erschweren so einen offenen, kritischen Dialog über bestehende Probleme und notwendige Lösungen. Wenn Thilo Sarrazin Zuwanderung mit „Landnahme“ in Verbindung bringt, vor einer „Übernahme“ von Staat und Gesellschaft durch Migranten warnt und musli- mischen Migranten einen „wirtschaftlichen Mehrwert“ abspricht, dann schürt er Ängste und Vorurteile und vergreift sich klar im Ton. Für die Sozialdemokratie gilt aber, Ton und Haltung sind keine Nebensache, wenn es um Integration geht. Wer Proble- me in unserem Land nicht verschärfen, sondern lösen will, der darf keine Vorurteile schüren. Damit nicht genug: Thilo Sarrazin schreibt darüber hinaus in seinem Buch, dass Intelligenz und ebenso mangelnde Intelli- genz wesentlich vererbt seien. Seine Schlussfolgerung hieraus: Deutschland werde im Durchschnitt dümmer, da vor allem die bildungsfernen Bevölkerungsgruppen in unserem Land Kinder bekämen. Als Lösung schlägt er dann unter anderem vor: Eine Prämie von 50 000 Euro für junge Akademikerinnen, die ein Kind bekommen. Eine solche Einteilung von Menschen nach ihrer Nützlichkeit widerspricht unserer sozialdemokratischen Grundüberzeugung, dass alle Menschen gleich viel wert sind. Für uns ist klar: Es gibt keine wertvollen und weniger wertvollen Menschen. In unserem Hamburger Grundsatzprogramm ha- ben wir deshalb formuliert: „Wir streben eine Gesellschaft der Freien und Gleichen an, in der jeder Mensch seine Persönlich- keit in Freiheit entfalten kann, ohne die Würde und Freiheit anderer zu verletzen. Wir widersetzen uns jeder Form der Dis- kriminierung. Die Würde des Menschen ist unabhängig von seiner Leistung und seiner wirtschaftlichen Nützlichkeit." Als Sozialdemokraten sagen wir klar: Das Leben ist offen. Die Entwicklung oder Charaktereigenschaften eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen sind nicht durch ein be- stimmtes Erbgut vorgezeichnet. Es kommt vielmehr darauf an, durch Erziehung und durch gute Bildung die freien Entwick- lungschancen eines jeden Menschen freizusetzen. Das ist die Grundüberzeugung unserer auf Emanzipation und Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität aufbauenden sozialdemokrati- schen Politik. Thilo Sarrazin hat diesen gemeinsamen Boden mit seinen jüngsten Äußerungen und Buchveröffentlichungen verlassen.